125 Jahre Berufsfeuerwehr Aachen
In der Chronik der Berufsfeuerwehr Aachen nimmt der große Rathausbrand von 1883, über den in dieser Festschrift an anderer Stelle ausführlich berichtet wird, eine Sonderstellung ein. Doch diese Brandkatastrophe war nicht der einzige Großeinsatz, den die noch junge Berufsfeuerwehr bewältigen mußte. Über einige der großen Brand- und Hilfeleistungseinsätze, bei denen leider auch Aachener Bürger und Feuerwehrleute ihr Leben ließen, sei hier berichtet. Eine große Hilfe beim Verfassen dieses Artikels, waren die noch vorhandenen, amtlichen Einsatzberichte sowie Presseartikel der Tageszeitung Echo der Gegenwart".

Am 7. August 1876 vernichtete ein Großfeuer die Nadelfabrik Georg Prinz & Cie in der Rudolfstraße 68. Todesopfer waren nicht zu beklagen, jedoch verloren 350 Menschen ihren Arbeitsplatz.

Den 7. Januar 1877 kann man als einen schwarzen Tag" für die fünf Jahre alte Berufsfeuerwehr bezeichnen. Die Feuerwehr trauerte - sie verlor zum ersten Male einen ihrer Feuermänner im Einsatz. Abends um 9 Uhr und 5 Minuten wurde über den Feuertelegraphen von der Meldestelle Revier III Nr. 10 (Alexanderstraße 34/36) ein Feueralarm ausgelöst. Die Brandstelle befand sich in der Papier- und Tapetenfabrik Oudin & Claireaux", Paßstraße. Trotz großer Bemühungen und dem Einsatz aller Kompagnien, brannte die Fabrik nach ca. 1/4 Stunde in voller Ausdehnung. Beim Zusammenbrechen der Hinterfront wurden die beiden Oberfeuermänner, Plum (2. Kompagnie) und Knops (3. Kompagnie), von zusammenstürzenden Mauerteilen begraben. Nur der Oberfeuermann Plum wurde noch lebend, jedoch mit einem Beinbruch, schweren Brandwunden, Quetschungen und inneren Verletzungen, aus dem Schutt gezogen. Der Oberfeuermann Knops (einer der bravsten der ganzen Feuerwehr) büßte seine Pflichttreue mit dem Leben.

Das Feuer griff, als die Fabrik schon verloren war, auf das daneben liegende Ackergut Lehmkühlchen" über. Zusätzlich zu dem Personal der Feuerwehr wurden 100 Soldaten des in Aachen stationierten 28. Infanterie Regiments zur Hilfeleistung herangezogen.

Am 18. Januar 1885 kommt es zu einem Fabrikbrand dessen Ausmaße bis dahin einmalig in Aachen waren - das Feuer in der Rheinischen Tuchfabrik" Löhergraben 2. Die Rheinische Tuchfabrik war eines der größten Unternehmen in der Stadt. Das Hauptgebäude, 25 Jahre alt, mit einer Länge von 62 Meter und 5 Geschossen hatte hölzerne Decken, Fußböden und Treppen. Im Erdgeschoß befand sich die Rauherei, die Walkerei und in den Etagen Spinnerei und Weberei. Auf dem Gelände gab es ein zweites, erheblich älteres Gebäude von gleicher Länge und 3 Geschossen. In diesem waren das Wollager, die Büros, die Farbholzmühle, der Packraum, die Presse, die Noppkammer u.s.w. Ein drittes ähnliches Gebäude befand sich in der Annastraße. Dieses war durch hölzerne, mit Eisenblech beschlagene Türen mit dem Hauptgebäude verbunden. Das Maschinenhaus befand sich in der Nähe der Bendelstraße. Weiterhin befanden sich auf dem Gelände eine Färberei, ein weiteres Woll- und Kardenlager. Bei allen diesen Gebäuden konnte bezüglich der Feuersicherheit keine Rede sein. Überall befanden sich Holztreppen, hölzerne Fußböden und meist auch Balkendecken ohne Verputz. In der unmittelbaren Nachbarschaft lagen zwei weitere Tuchfabriken, die Fabrik von Scheins & Reiß sowie die Fabrik G. H. & J. Croon, mit einem Wohnhaus.

Die Feuerwehr wurde am Nachmittag um 2 Uhr 7 Minuten alarmiert. 3 Minuten nach der Alarmierung war die in der Nähe stationierte Wache 2 zur Stelle. Beim Eintreffen stand das 1. Obergeschoß in vollen Flammen. Sofort wurde das Notsignal" gegeben, welches die gesamte Feuerwehr herbeirief. Trotz aller Bemühungen dem Feuer Einhalt zu gebieten, mußte das alte Gebäude aufgegeben werden. Die Mannschaften wurden zurückgezogen und gemeinsam mit der inzwischen aus eigener Initiative herbeigeeilten Burtscheider Feuerwehr, versuchte man die benachbarten Gebäude zu schützen. Die größte Gefahr drohte bei dem herrschenden Nordostwind und dem nur 12 m breiten Löhergraben den gegenüberliegenden Häusern. Die Hitze war hier so stark, daß alle Holzteile dieser Häuser (Türen, Fenster, Dachgesimse und Dächer) Feuer fingen. Die Burtscheider Feuerwehr ging von der Roßstraße zum Schutz dieser Häuser vor. Die Aachener Feuerwehr schützte die benachbarten Tuchfabriken. Nach unsäglichen Anstrengungen konnten diese Gebäude und noch nicht betroffene Abschnitte der Rheinischen Tuchfabrik erfolgreich gehalten werden.

Um 12 Uhr Nachts konnte der größere Teil der Mannschaften einrücken. Infolge der starken Kälte und der übergroßen Anstrengung waren die Feuerleute zu keiner Arbeit mehr fähig. Auch mußte das zum Teil verbrannte oder durch den Frost unbrauchbare Material (besonders Schläuche) ersetzt werden. Obwohl die gesamte 2. Kompagnie als Brandwache



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zurückblieb, brach in der Tuchfabrik Scheins & Reiß gegen 11/2 Uhr Morgens auf der oberen Etage ein Feuer im Trockenrahmen aus, was eine erneute Alarmierung der beiden abgerückten Kompagnien nötig machte. In wenigen Minuten waren sie trotz Ermüdung mit frischem Material und Utensi-lien zur Stelle. Nach einer Stunde hatten sie das Feuer unter Kontrolle. Der Dachstuhl und ein Teil der oberen Etage wurden ein Raub der Flammen. Die Aufräumungsarbeiten, bei denen die Feuerwehr zur Sicherheit anwesend war, dauerten 8 Tage und Nächte. Die Wasserleitung wurde bei diesem Großfeuer mit ca. 2000 Kubikmeter in Anspruch genommen.

Am 8. Januar 1886 kam es zu der wohl schwersten Brandkatastrophe der vergangenen 125 Jahre, wenn man die Zeit der Bombenangriffe im 2. Weltkrieg ausschließt. Gegen 6 Uhr 20 Minuten am Abend brach in der Spinnerei Kayser & Biesing", Rudolfstraße 26 ein Feuer aus. Von der Meldestelle Prinz & Cie", Rudolfstraße 68 wurde das Alarmsignal ausgelöst. Durch den in der Nähe wohnenden Brandmeister Prinz wurde das Notsignal" gegeben, welches die gesamte Feuerwehr herbeirief. Die 3. Kompagnie (Oligsbendengasse) unter Leitung des Branddirektors Hildebrandt, traf bereits nach 3 Minuten ein. Die anderen Kompagnien folgten und auch die Burtscheider Feuerwehr rückte aus, als sie den hellen, weitleuchtenden Feuerschein wahrnahm. Gemeinsam mit den Aachener Kollegen bekämpfte man das Großfeuer. War man anfangs noch der Meinung alle Personen hätten die brennende Fabrik verlassen, erfuhr man im Laufe der Nacht die traurige Tatsache. Eine große Anzahl von Arbeiterinnen und Arbeiter hatten ihr Leben lassen müssen. Viele hatten bei ihrer Flucht nicht die vorhandenen Nottreppen benutzt, sondern eilten zur Haupttreppe, was ihnen dann zum Verhängnis wurde. Ein Meister verlor sein Leben, weil er noch rasch" seine Habseligkeiten holen wollte. Eine Frau suchte den Schlüssel der Kiste, aus welcher sie ihr Geld mitnehmen wollte, dies wurde ihr zum Verhängnis. Ein Arbeiter starb, weil er unbedingt noch seine Kleider wechseln wollte. Ein Fadenmädchen wollte etwas Wäsche, die es zum Trocknen aufgehängt hatte, noch eben retten". Dieser Versuch kostete auch ihr das Leben. Geistesgegenwärtig retteten jüngere Burschen ihr Leben, indem sie sich an Winden oder Ketten ins Freie abseilten. Besonders die Tat des Arbeiters Heinrich Kriescher, dessen beide Brüder in den Flammen umkamen, wurde besonders hervorgehoben. Als er sich an den Regenkandel" (Regenrinne) heranschwang, erreichte ihn die bittende Stimme des Fadenmädchens Schwoll: Kriescher, nemmt mich öm Gotteswell met!". Obwohl die Flammen schon hinter dem Mädchen herkamen, schwang Kriescher sich wieder in den Fabrikraum, nahm das Mädchen auf seinen Rücken, schwang sich wieder an die Regenrinne und ließ sich mit dem Mädchen in den Hof hinunter.

Aus den Trümmern bargen die Feuerwehrleute 17 Tote; vom 15-jährigen Fadenmädchen bis zur 55-jährigen Arbeiterin, vom 15 Jahre alten Fadner bis zum 52 Jahre alten Arbeiter.

Unter großer Anteilnahme der Aachener Bevölkerung und den Honorationen der Stadt Aachen, wurden die Opfer dieser Brandkatastrophe am 16.1.1886 auf dem Aachener Ostfriedhof beigesetzt. Eine große Anzahl von Menschen säumte die Straßen, durch die der Trauerzug ging. Die Mannschaften der Feuerwehr trugen die 17 Särge. Eine ganze Stadt hielt den Atem an und trauerte um:
Maria Beckers, 16 Jahre, aus Schweilbach
Wilhelm Joseph Claßen, 52 Jahre, aus Aachen
Peter Cordowener, 31 Jahre, aus Aachen
Gottfried Dewaweux (genannt Defau), 38 Jahre, aus Aachen
Lorenz Hillemanns, 39 Jahre, aus Aachen
Katharina Hammers, 31 Jahre, aus Aachen
Elise Königs, 15 Jahre, aus Simpelveld
Johann Kriescher, 27 Jahre, aus Aachen
Mathias Kriescher, 33 Jahre, aus Aachen
Josephina Lausberg, 15 Jahre, aus Eilendorf
Wilhelm Mager, 29 Jahre, aus Aachen
Hubertina Meven, 16 Jahre, aus Forst
Heinrich Joseph Nellen, 15 Jahre, aus Aachen
Sibylla Reinartz, 27 Jahre, aus Forst
Josephine van Rey, 28 Jahre, aus Aachen
Witwe Johanna Savelsberg, 55 Jahre, aus Hergenrath
Elise Spitz, 34 Jahre, aus Aachen.

Am 14. Januar 1887, gegen 1/2 11 Uhr am Mittag, brach in dem Hause Kleinmarschierstraße 57, in welchem sich die Kolonialwarenhandlung Drießen befand, ein Feuer aus. Es entstand im Parterre, vermutlich durch eine Unvorsichtigkeit beim Abfüllen von Petroleum, durch Herrn Drießen. Das Feuer griff sehr schnell um sich und ergriff die nach oben führende Treppe. Den in den oberen Stockwerken befindlichen Personen wurde der Fluchtweg abgeschnitten. Nachbarn holten in Eile Leitern herbei. Der inzwischen eingetroffenen Feuerwehr gelang es, mit Hilfe von Rettungsgürteln, 3 Frauen aus der 2. Etage zu retten. Leider konnte man nicht allen Bewohnern schnelle Hilfe zuteil werden lassen. Ein 11-jähriger Junge, der nach einer Lungen-entzündung im Bett lag, jedoch schon auf dem Wege der Besserung war und sein 12-jähriger Bruder, der bei dem Kranken



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weilte, es waren Kinder des Herrn Drießen, sowie ein Mann, der vermutlich zur Rettung der beiden Kinder in das Haus eingedrungen war, kamen elendiglich in den Flammen um. Es handelte sich um den Buchhalter Herr Julius Brues. Er war nach Ausbruch des Brandes durch die Kleinmarschierstraße gekommen und als er hörte, daß noch Kinder des Herrn Drießen, mit dem er befreundet war, im brennenden Hause wären, sei er sofort hineingeeilt. Er sei auch noch bis an das Bett des erkrankten Knaben gelangt, hatte dann aber nicht mehr die Kraft, aus dem Zimmer herauszukommen. Er erstickte mit den beiden Kindern. Indem er sein eigenes Leben wagte, um die beiden Kinder zu retten, übte der Wackere die höchste Tat, der ein Mensch fähig ist: Er gab sein Leben für den Nächsten!

Das Haus brannte total aus. Als ein Wunder wurde bezeichnet, daß es der Feuerwehr bei dem heftigen, intensiven Feuer gelang, die auf beiden Seiten angrenzenden Gebäude von den Flammen freizuhalten.

Am 9. August 1887, nachmittags gegen 4 Uhr ging bei der Feuerwehr Aachen eine Depesche der Feuerwehr Stolberg ein, Großfeuer, bitten um Hülfe!". Sofort wurde die bespannte Wache III mit großer Druckspritze über Eilendorf nach Stolberg entsandt und angeordnet, daß die Wache II mit Spritze und entsprechenden Geräten mit dem Eisenbahnzuge um 4 Uhr 49 Minuten folgen sollte. Branddirektor Hildebrandt sorgte dafür, daß der Feuerschutz für die Stadt Aachen erhalten blieb. So wurde u.a. die Burtscheider Feuerwehr in Alarmbereitschaft versetzt und sollte im Notfall in der Stadt Aachen tätig werden. Auch sollten von der Burtscheider Feuerwehr ein Zubringer und das dazu benötigte Bedienungspersonal nach Stolberg geschickt werden. Jedoch stellte sich bald heraus, daß die Burtscheider Mannschaft nicht mehr auf den Zug verladen werden mußte.

In Stolberg war in der Glasfabrik Jordanshütte" und zwar in den mit großen Strohvorräten versehenen Verpackungsräumen Feuer ausgebrochen, welches in kürzester Zeit die großen Magazine und Wohnräume in Flammen setzte.

Die Aachener Feuerwehr fand ein zwar eingedämmtes aber noch recht heftiges Feuer vor und griff dann sofort in die Operationen der Stolberger Wehr ein. Am Abend war die Gefahr soweit beseitigt, daß die Wache II, der Aachener Feuerwehr, mit dem um 7 Uhr 47 Minuten von Stolberg abgehenden Eisenbahnzuge nach Aachen zurückkehren konnte. Die bespannte Wache III verblieb noch zur weiteren Hilfeleistung in Stolberg, als jedoch gegen 8.00 Uhr das Gerücht umging, in Aachen sei ebenfalls ein Großfeuer ausgebrochen, wurde sofort das Abrücken der Wache III befohlen. Die Nachricht war zwar übertrieben, doch war die um 8 Uhr 10 Minuten in Aachen ankommende Wache II genötigt, von der Bahnstation aus zu einem Dachstuhlbrand in der Stiftstraße 2/3, Nadel-fabrik Huhn & Cie., zu eilen.

Am 2. Januar 1890 lockte heftiger Feuerschein die Aachener aus den Häusern. Im Komplex Kleinmarschierstraße / Schmiedstraße / Jesuitenstraße / Fischmarkt brach ein Schadenfeuer aus. Dichte Rauchmassen kamen aus dem alten Kornhaus (Grasshaus), dem alten Rathaus in der Schmiedstraße. Der Dachstuhl des Kornhauses wurde in kürzester Zeit ein Opfer der Flammen. Das tausendjährige, altehrwürdige Aachener Münster war grell beleuchtet; die goldenen Kuppeln auf den Spitzen seiner Türmchen leuchteten in gar sonderbarem Glanze, doch lag über dem Gotteshaus eine solch erhabene Ruhe, als wenn es sagen wollte, daß im Lauf der Jahrhunderte schon größere Gefahren an ihm vorübergegangen seien. Die Helligkeit war so groß, daß man bis auf eine Entfernung von zweihundert Metern die Zeitung lesen konnte.

Die Feuerwehr traf kurz nach 5 Uhr auf der Brandstätte ein und stellte sich an den am meisten exponierten Stellen auf. Sehr bedroht war die Jesuitenkirche. Eine Abteilung der Feuerwehr war zum Schutze derselben sogleich abgeschickt worden. Der Turm der Kirche hatte bereits Feuer gefangen, als in den obersten Luken plötzlich 2 Männer auftauchten. Mit Beilen schlugen sie die in Brand geratenen Holzstücke herunter. Es waren zwei Arbeiter der Installationsfirma C. Micheels, die den nur 20 Meter vom Feuer entfernt stehenden Turm bestiegen und ihn so vor dem Niederbrennen bewahrten.

Die städtische Verwaltung ergriff ebenfalls alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen. Die Feuerwehren von Düren und Köln wurden sofort benachrichtigt. Die Feuerpiquets der hiesigen Garnisonen rückten im Laufschritt an und kreisten die Brandstelle ein. Bei den Aufräumungsarbeiten wurde ebenfalls eine Abteilung Soldaten eingesetzt.

Das Kornhaus brannte bis auf die Grundmauern nieder. Die in diesem gelagerten Theaterdekorationen und Theaterrequisiten des Stadttheaters wurden samt und sonders ein Raub der Flammen.

Durch die Anstrengung der Feuerwehr wurde das Wollager von Beaujean in dem Kernschen Hause sowie das Haus des Metzgers Stein, die direkt gefährdet waren, gerettet.

Am 6. März 1892 brannte es in einem Wohnhaus Rudolfstraße, Ecke Steinkaulstraße. Beim Eintreffen der Feuerwehr



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schlugen die Flammen aus Türen und Fenstern. 19 Personen, die sich in den oberen Stockwerken befanden, war der Weg ins Freie versperrt. Die Personen standen in den Fenstern und wurden, durch Zurufe aus der in großer Zahl vor dem Hause stehenden Gaffern, aufgefordert zu springen. Die Feuerwehr versuchte vergeblich, dies zu verhindern. Als sich einzelne Personen anschickten abzuspringen, brachte die Feuerwehr sofort ein Sprungtuch vor dem in der Steinkaulstraße gelegenen Teil des Hauses in Stellung, während Brandmeister Prinz und Feldwebel Wilde mit Hakenleitern von der anderen Seite des Hauses in der Rudolfstraße vorgingen, um die Leute zu beruhigen und zu retten. An dieser Stelle wurden 6 Personen über Anstelleitern aus der 1. Etage gerettet. In das Sprungtuch sprangen aus der 2. Etage eine Frau mit ihrem kleinen Kind in das Tuch, dann folgten aus der gleichen Etage 2 Ge-schwister. Aus der 3. Etage sprangen 9 Personen, davon stürzten ein Mann und ein Knabe auf das Trottoir und zwar deshalb, weil sie das Spannen des Sprungtuches nicht abgewartet hatten. Beide fanden den Tod. Das Ganze vollzog sich in 2 bis 3 Minuten. Inzwischen waren der Brandmeister Prinz und der Feldwebel Wilde bis zur 3. Etage vorgedrungen und hatten die Zimmer durchsucht. In der 3. Etage fanden sie einen Knaben, im Gesicht verletzt und besinnungslos. Wiederbelebungsversuche waren erfolgreich. Der Junge wurde mit der Rettungsleine abgeseilt und ins Spital transportiert. Nachdem das Feuer gelöscht war, wurden alle Räume nochmals abgesucht, aber keine Personen mehr gefunden.

Am 1. Dezember 1893 kam es zu einem Großfeuer in der Spinnerei Biesing & Contzen, Rudolfstraße 23. In dieser Fabrik hatte bereits am 8. Januar 1886 ein Großfeuer stattgefunden, welchem 17 Personen zum Opfer fielen. Die damals bei dem Wiederaufbau der Fabrik in feuerpolizeilicher Beziehung getroffenen Vorsichtsmaßregeln hatten sich wider Erwarten als unzureichend erwiesen. Wieder mußten 4 Personen in den Flammen ihr Leben lassen.

Um 1 Uhr 10 nachmittags lief das Signal von Brause & Cie.", Rudolfstraße 39 und kurz darauf zwei weitere Signale bei der Feuerwehr ein. Bei Ankunft der Feuerwache II, unter dem Kommando des Herrn Brandmeisters und Kompagnie-Chefs Prinz, etwa 2 1/2 Minuten nach dem 1. Signal, stand bereits das ganze Gebäude von 15 Fenstern Front, bestehend aus Erdgeschoß, 1., 2. und Dachetage, von unten bis oben in Flammen. Sofort wurde das Notsignal gegeben und die Herbeischaffung der Dampfspritze angeordnet. Personen sollten sich, nach Angaben von schon im Freien befindlichen Arbeitern, nicht mehr im brennenden Gebäude befinden. Sie alle sollten, durch Springen aus dem Fenster, mehr oder weniger verletzt, die Unglücksstätte verlassen haben.

Wache II hatte bereits eingegriffen, in wenigen Minuten folgten die Wache I und III sowie die Dampfspritze, nunmehr erfolgte der Angriff von allen Seiten. Kurz nachdem Schlauchleitungen von den Hydranten Nr. 375, 383, 384, 388 und 389 sowie von einem Privat-Feuerhahn der Fabrik in Tätigkeit gesetzt waren, wurden Hilferufe aus dem brennenden Gebäude vernommen. Sie rührten von Arbeitern her, die auf dem 3. Stock hinter einem nicht zu öffnenden Fenster standen. Herr Brandmeister Prinz und der Feuerwehrmann Göbbels (3. Komp.) gingen sofort vom Dache der angrenzenden Tuchfabrik E. Sträter & Cie." aus mit Hakenleitern vor, und es gelang, dank dem raschen und energischen Vorgehen der Retter, nach Zertrümmerung des Fensters, noch 8 Personen aus dem brennenden Gebäude vor dem sicheren Tod des Verbrennens zu retten. Unmittelbar darauf fing die Hakenleiter, auf welcher Herr Brandmeister Prinz stand, Feuer, wodurch weitere Rettungsversuche aufgegeben werden mußten. Um diese Zeit waren aber zweifellos die noch im Gebäude befindlichen 4 Personen schon erstickt.

Das mächtige Feuer zerstörte in etwa 1 1/2 Stunden den Inhalt des ganzen Hauptgebäudes. 11 Personen erlitten beim Sprung aus den Fenstern leichte und 1 Person schwere Verletzungen. Die 4 tödlich Verunglückten wurden in der Nacht und am folgenden Morgen geborgen.

Die "Tellschützen" nahmen die erneute Katastrophe zum Anlaß, einen Gedenkstein zu stiften und diesen auf dem Ostfriedhof aufzustellen.



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